Postkarte

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Völkerschlacht 1813 / 1913 / 2013

Postkarte

90 x 140 mm
Papier
Fundort: Landau, Ahornstraße 7
Funddatum: 12.04.2013

Die Postkarte wurde zur 100-Jahr-Feier der Völkerschlacht am 18.10.1913 an meine Urgroßtante Marianne Casper verschickt. Sie war gerade mal zwölf Jahre alt, als in Leipzig das Völkerschlachtdenkmal feierlich eingeweiht wurde.

Als das Thema der Ausstellung, Völkerschlacht, bekannt gegeben wurde, musste ich sofort an meine Oma denken. Obwohl sie in Wiesbaden aufgewachsen ist, hat sie ihre Wurzeln in Leipzig. Oft besuchte sie ihre Tante Marianne, zu der sie eine besondere Beziehung hatte.
Grüße-Omi-682x1024Ich rief sie also an, und erzählte ihr von unserem Projekt. Kaum war ich fertig, sagte sie ganz aufgeregt: „Ich hab da so eine Postkarte. Warte mal, ich ruf dich gleich zurück.“ Unglaublich, meine Oma ist fünfundachtzig und in gewissen Dingen auch schon vergesslich, aber sie findet in ihrer großen Wohnung innerhalb von fünf Minuten diese eine Postkarte. Und mit der Nachricht, dass sie sie gefunden habe, liefert sie mir auch die Geschichte der Postkarte.
Ein paar Tage später bekomme ich einen Brief und halte die Postkarte in der Hand. Sie ist zwar vergilbt, eine Ecke ist ein wenig abgerissen und wieder angeklebt, aber obwohl die Karte fast hundert Jahre alt ist, kann man die Zeilen noch gut lesen.

Marianne Casper, die Tante meiner Oma, ist zwölf Jahre alt, als sie die Postkarte erhält.

Rückseite der Postkarte.

Rückseite der Postkarte.

Links: Dein Vater
Rechts: Frl. Marianne Casper, L. Lindenau, Lütznerstr. 17
Stempel: Leipzig, 18.08.1913, Weihe des Völkerschlachtdenkmals

1913, Anfang Oktober in Leipzig. Es herrscht Unruhe in der Stadt. Alle reden davon. Selbst die Zeitungen kennen seit Wochen kaum ein anderes Thema als die 100-Jahr-Feier und das Denkmal. Es heißt, Kaiser Wilhelm II. persönlich werde nach Leipzig kommen zur Einweihung. Aufgeregt wuseln die Menschen durch die Innenstadt. Feine Damen kaufen sich das passende Outfit, denn wer weiß, wen man bei einer solch großen Veranstaltung alles trifft. Wer es sich leisten kann, kauft sich für 100 Mark Tribünenplätze unmittelbar vor dem Denkmal. Ein Grafiker wurde sogar beauftragt, speziell für den Tag der Einweihung einen einzigartigen Poststempel zu entwerfen. So können die Neuigkeiten von diesem für Leipzig ehrenvollen Tag im ganzen deutschen Kaiserreich angemessen bekannt gemacht werden.

Die Einweihungsfeier aus Anlass des 100. Jahrestages der Völkerschlacht bei Leipzig am 18. Oktober 1913 sollte ein nationalistischer Rummel ohnegleichen werden. Das 300.000 Tonnen schwere Monument steht gewaltig und beeindruckend an der Stelle, an der die heftigsten Kämpfe stattfanden und die meisten Soldaten bei der Völkerschlacht 1813 fielen. So wie der Dichter Ernst Moritz Arndt es vor 100 Jahren angekündigt hatte: „Groß und herrlich“ soll es sein, „wie ein Koloss, eine Pyramide, ein Dom zu Köln“.

LuetznerAuch in der Lützner Straße 17 in Leipzig Lindenau herrscht große Aufregung. Familie Casper bereitet sich schon seit Wochen auf dieses Ereignis vor. Bei Marianne in der Schule gibt es lange schon kein anderes Thema mehr. Sie durfte sich sogar extra ein neues Kleidchen kaufen für den besonderen Tag. Sie ist aufgeregt, wenn sie daran denkt, dass in ein paar Tagen schon Tausende von Menschen in ihre Stadt reisen werden, um gemeinsam mit ganz Leipzig den Sieg über Napoleon zu feiern und die jahrelange Fremdherrschaft. Ein gewisser Stolz erfüllt sie bei dem Gedanken an das überwältigende Denkmal. Sie darf dabei sein, wenn alle gemeinsam ein solch bedeutendes Ereignis ihres Landes feiern.

Doch dann kommt alles anders. Am Tag vor der Weihe wacht Marianne auf mit einem Kratzen im Hals und einer glühenden Stirn. Bald kann sie nicht mehr aufhören zu husten. Am Nachmittag diagnostiziert der Arzt Keuchhusten: „Das bedeutet erstmal mindestens drei Tage Bettruhe, Fräulein.“ Marianne bricht in bittere Tränen aus. Am Tag nach der großen Feier bekommt sie eine Postkarte. Ihr Vater hat an sie gedacht und ihr diese Postkarte mit dem Stempel des besonderen Tages geschickt. Damit sie wenigstens eine kleine Erinnerung an diesen langersehnten Tag hat und ihn nie vergisst.

Nach dem Telefonat mit meiner Oma gerate ich erst mal ins Grübeln. Für mich ist das Völkerschlachtdenkmal ein ziemlich hässlicher Klotz in der Landschaft. Die Bedeutung des Denkmals gab zu meinem Erschrecken Neonazis den Anlass für einige ihrer Aufmärsche. In den letzten Wochen tauchte immer wieder Werbung für die 100-Jahr-Feier des Denkmals auf, aber die Begeisterung dafür hält sich bei mir in Grenzen.
Mir erscheint es absurd, dass sich die Bedeutung dieses Monuments in 100 Jahren so verändern konnte. Doch was hat sich wirklich verändert? Ich muss sagen, außer ein wenig Euphorie während der Fußball-WM kann ich im Gegensatz zu meiner Urgroßtante nicht viel mit Nationalstolz anfangen. Der Sieg in einer großen Schlacht, die Bedeutung des Denkmals, erfüllte Marianne mit einem Gefühl von Feierlichkeit und Stolz auf ihr Land. Mich lässt dies eher schaudern. So stelle ich fest, dass mich die Geschichte meines Landes doch sehr beeinflusst und meine Wahrnehmung formt. Genauso wie bei Marianne, nur 100 Jahre später.

Postkarte_vor_Denkmal
Vorderseite Postkarte
Text unten: Das Riesenrelief am Völkerschlachtdenkmal zu Leipzig darstellend den Kriegsgott St. Michael auf dem Siegeswagen. Die Kosten dieses Reliefs betragen 200 000 Mark. Die Figur ist 12 Meter hoch.

Links
Itoja: Jahrestag Völkerschlacht
Zeitgeschichtliches Museum Leipzig
Naziaufmärsche am Völkerschlacht Denkmal

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Fotos
Lea Brosch

Autor
Lea Brosch

Völkerschlacht 1813 / 1913 / 2013