SEKTION XI: DIVERSITÄT UND INKLUSION

Kunstgeschichte als Praxisfeld für gemeinsames Lernen

Leitung:
Prof. Dr. Tobias Loemke

Prof. Dr. Tobias Loemke (Hochschulstudiengänge Künstlerische Therapien (HKT), HfWU Nürtingen-Geislingen)

Dr. Anna-Maria Schirmer (Christoph-Scheiner-Gymnasium Ingolstadt)

Ist es für die Betrachtung der Scherenschnitte von Henri Matisse entscheidend, zu wissen, dass er zu dem Zeitpunkt, als er bestimmte Kunstwerke schuf, deutliche körperliche Einschränkungen hatte? Brauchen wir Informationen zu El Grecos möglicherweise veränderter Wahrnehmungsfähigkeit oder Adolf Wölflis psychischem Zustand, wenn wir Bilder dieser Künstler betrachten?

Beeinträchtigungen mögen sich auf den Entstehungsprozess von Kunstwerken auswirken und aus dem ein oder anderen Blickwinkel interessant sein; den Gehalt der Kunstwerke machen sie nicht aus. Bei allen Exklusionsmechanismen, die im Feld der Kunst wie in anderen gesellschaftlichen Systemen nach wie vor aktiv sind, geht es doch im Kern um individuelle Weltsichten, um Weltenvielfalt und Freiheit zum Anders-Sein. Kunst ist ein Spielfeld der Diversität, das im Nebeneinander unterschiedlicher Weltentwürfe besondere Inklusionspotenziale birgt.

An Beispielen aus der Kunstgeschichte lässt sich die Normalität des Anders-Sein gut zeigen, definiert sich Kunst doch per se über die Überschreitung von Konventionen und Normen. Im Kunstunterricht könnte es also auch darum gehen, Kunst als Modell für gelebte Individualität jenseits stigmatisierender Kategorisierungen zu vermitteln.

Bringt man rezeptionsästhetische Überlegungen ins Spiel, und versteht das Kunstwerk als das, was zwischen Werk und Betrachter je individuell entsteht, ergibt sich per se ein heterogenes Bild. Statt einer Interpretation für alle eröffnet sich ein weites Feld der individuellen Sichtweisen und Zugänge, die sich gegenseitig bereichern können.

Auch wenn in der historischen Kunst wie auch in der Kunst der Gegenwart Diversität thematisiert und sichtbar wird,  ist sie ebenso wenig wie die Kunstpädagogik und Kunstdidaktik per se inklusiv. Auch können wir nicht von einer einheitlichen Begriffsverwendung ausgehen, wenn es um Inklusion geht. Die Praxis zeigt im Feld der Kunstvermittlung unterschiedlichste Inklusionsbemühungen mit zum Teil stark differierenden Ausrichtungen und Ansprüchen. Um eindeutige Positionierungen auf dieser oder jener Seite soll es auf beiden Tagungen nicht gehen. Welche Akzentuierung von Inklusion man auch wählt, im Kern geht es um die Aufgabe, jedem Einzelnen und damit einer heterogenen Gruppe gerecht zu werden.

In diesem Sinn werden wir anhand von zwei thematischen Schwerpunkten Möglichkeiten zum Umgang mit Diversität erörtern. Kunstdidaktik kann inklusiv sein, wenn sie Heterogenität konstruktiv als Chance nutzt und sich äußerst vielseitig gestaltet. Es wird also darum gehen, an Gegenständen der Kunstgeschichte die Vielfalt der Bildsprachen, Vermittlungstechniken, Lernmedien, Lernziele und Aufgaben usw. gemeinsam in den Blick zu nehmen. Dementsprechend wird die Sektion auf beiden Tagungen ein Forum aus Referenten und Tagungsbesuchern bilden, in dem versucht wird, den Lerngegenstand Kunstgeschichte und den Anspruch, Lernen als höchst individuellen Vorgang zu gestalten, zusammen zu bringen.

Kontakt:
Tobias Loemke
Anna-Maria Schirmer