Cui Bohne

Cui Bohne, Bohnen, c.a. 2,5x1cm

Pythagoras und seine Bohnen mit Seele

Pythagoras von Samos gehört zu einem der rätselhaftesten Persönlichkeiten der Antike, da es kaum überlieferte Schriften seiner Lehren gibt. Sie wurden traditionell nur mündlich weitergetragen. Bis heute streiten sich Forscher darüber, ob er als Schamane, charismatisch religiöser Führer oder als seriöser Pionier früher Wissenschaft eingestuft werden muss. Vermutlich verkörperte er alles zusammen.

Pythagoras wurde um 570, andere Quellen sagen um 580 v.Chr., auf der Insel Samos in Griechenland geboren. Als Vierzigjähriger verließ er seine Heimatinsel und wanderte ins griechisch besiedelte Unteritalien aus, um dort eine Schule in Kroton zu gründen. Er bildete eine enge Gemeinschaft aus Mitgliedern, die sich auf eine disziplinierte, bescheidene Lebensweise festlegten („pythagoreische Art des Lebens“) und sich ewige Treue schwuren.

Ein wesentlicher Bestandteil ihrer Lehre war die Mathematik. Daher kennen wahrscheinlich auch die meisten seinen Namen. Er lieferte den Beweis für den ‘Satz des Pythagoras’, den die Babylonier allerdings schon vor ihm kannten. Seine Anhänger, die Pythagoreer, glaubten, dass Gott den Kosmos nach Zahlen geordnet habe. Ihr Credo lautete: „Alles ist Zahl“. Jede Zahl hatte eine wichtige Bedeutung und konnte in gerade, “weibliche” und ungerade, “männliche” Zahlen eingeordnet werden. Ähnlich wie in der chinesischen Lehre des Ying und Yang.

Pythagoreer waren äußerlich an ihren Tuniken aus weißem Leinen zu erkennen. Ihr Leben bestimmte ein strenger Sittenkodex, denn ihr Tagesablauf verlief nach zu befolgenden Regeln, die der körperlichen und moralischen Ertüchtigung dienten. Sie beinhalteten rituelle Waschungen, Gedächtnistraining und das eigentliche Studium der Lehren (den sog. mathemata), die unter anderem unsere heutige Mathematik, Geometrie, Zahlenmystik und Musik beinhalteten. Die gemeinsamen Mahlzeiten bestanden aus rein vegetarischen, aufeinander abgestimmten Speisenfolgen, bei denen bekanntlich auf Ackerbohnen verzichtet werden musste. Das Verbot wird auf den Kern seiner religiösen Lehren zurückgeführt, der Lehre der Seelenwanderung. So durften keine Tiere verspeist werden, keine Felle getragen und Opfertiere den Göttern geopfert werden. Auch gewisse Pflanzen, wie die Bohne, waren tabu, da sich in ihnen Seelen der Ahnen verkörpert haben konnten. Der Tod war für sie somit nicht nur das Ende des bisherigen Lebens, er bedeutete auch einen Neuanfang. Weiterhin pflegte die Gemeinschaft Musik, Tanz und Meditation. Laut L. de Crescenzo gehörte es auch zu ihren Riten, sich bei Sonnenaufgang stets drei Fragen zu stellen: „Was habe ich Schlechtes getan?“, „Was habe ich Gutes getan?“ und „Was habe ich versäumt zu tun?“. Danach mussten sie folgenden Satz aussprechen: „Ich schwöre es auf jenen, der unserer Seele die göttliche tetraktys offenbart hat“. Mit „tetraktys“ war die den Pythagoreern heilige Zahl zehn gemeint. Die pythagoreischen Lebensregeln sind in den später entstandenen Goldenen Versen enthalten, die noch spätere Nachfolgeorden ihrem Kodex zugrunde legten.

Quelle: Zhmud, Leonid: Wissenschaft, Philosophie und Religion im frühen Pythagoreismus (1997)